Gjevat muss gehen

Am 7. März 2019 wird er die Schweiz verlassen und nicht zurückkehren können.

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Ein Junge zieht mit seiner Familie in die Schweiz und wird zum Musterbeispiel gelungener Integration. Nun, 26 Jahre später muss er zurück in den Kosovo, die Juszit hat genug von ihm. Was ist passiert?

Ein Raumparfüm hüllt die verlebte Luft in einen frischen Mantel. Das Bett ist gemacht, darauf ein drahtiger Mann, 35, schiefe Nase, schwarzes Haar, Luzerner Dialekt. Da sitzt er, an einem regnerischen Donnerstag, im Schneidersitz, leicht geduckt und mit dem Rücken zur Wand. Gjevat soll ausgeschafft werden. Jetzt, nach über zwei Jahrzehnten in der Schweiz. So will es das Gesetz.

«Gjevat, hast du Angst?»

«Ob ich Angst habe?» Er holt Luft, stützt die Ellbogen auf die Kniescheiben, sucht die Leere im Raum und dreht an seinem Ehering, den er seit Donnerstag, 22. Februar 2018, am Finger trägt.

Es ist Sommer in Koriša, Jugoslawien. Draussen liefern sich Aufständische Strassenschlachten mit der Polizei, drinnen hat der achtjährige Gjevat Serbischunterricht. «Zeichnen, irgendetwas! Und herzeigen!» Gjevat tritt vor. Ein albanischer Doppeladler. «Was glaubst du eigentlich?», ruft die Lehrerin und schlägt zu. Die Finger brennen vor Schmerz. «Was glaubst du eigentlich», denkt sich auch Gjevat, und schlägt zurück.

Es ist die Liebe zu den eigenen Wurzeln, die ihm in den frühen 90er-Jahren den Schulverweis einbringt. Und ein neues Leben in der Schweiz. Die Ankunft in Zürich, der Zug nach Root, der Bus nach Dietwil im Aargau, diese Pünktlichkeit! Eine Reise wie aus einem Guss. Die riesige Wohnung neben der Post, fünf Zimmer, Parkett, das Schulhaus nicht weit. Asphalt statt Schotterpisten, gefegte Strassen statt Müllberge. Aber auch Schweizerdeutsch statt Albanisch.

«Wie war er, dein erster Schultag als Fremder?»

«Schwierig», Gjevat zieht die Achseln hoch, «dieses Schweizerdeutsch». Zwei Sätze lernt der Vater mit den Kindern auswendig. «Ich heisse Gjevat. Ich bin acht Jahre alt.» Zwei Sätze, acht Wörter, damit sie sich wenigstens anständig vorstellen können. «Wir sind so herzlich aufgenommen worden. Und doch waren wir Gäste in einem fremden Land, das war uns klar. Und dem Vater am meisten.» «Redet Deutsch!», mahnt er, wenn er die Kinder beim Albanisch sprechen erwischt. Schnell hat Gjevat Schweizer Kumpels, spielt Fussball beim FC Rotkreuz, bewundert Alain Sutter und Stéphane Chapuisat, findet einen besten Freund. Die Mutter von Daniel gibt den Geschwistern Deutschunterricht. Gute Schulnoten sind dem Vater lieb, aber hervorragende Noten sind ihm lieber. Gjevat lernt und lernt, schnell wird die Sprache flüssiger, das «ch» tönt besser, schön kratzig, schön schweizerisch. Mathe, Französisch, Deutsch, der Vater sieht bald lauter Sechser, was darunter liegt, zeigt Gjevat nicht her. Und immer, wenn er nach einem Fehler nach vorne gebeten wird, ist er verwundert, dass er statt Prügeln Erklärungen erhält. Einfach nur Erklärungen.

«Heimweh?»

«Heimweh nach was? Nach den politischen Unruhen? Den Schlägen? Nach dem Chaos in den Städten und dem Dreck auf den Strassen?» Jahr für Jahr fliegt die Familie im Sommer heim nach Koriša, zu den Verwandten, zurück in jenes Haus, das die Mutter mit den Kindern bewohnt hatte, während der Vater in der Schweiz das Geld verdiente. Brüder und Vater finanzieren es inzwischen gemeinsam, legen Ende des Jahres das Ersparte zusammen, kaufen neues Bauland. Nur Gjevat hat kein Interesse an einer Ferienwohnung. Und kein Geld. Hätte er welches, er würde es in der Schweiz investieren.

«Wars ein Heimkommen?»

«Eine Rückkehr, ja, das bestimmt. Aber eine Heimkehr?» «Meine Damen und Herren, wir landen in Kloten.» Erst ein paar Wochen später, wenn der Captain beim Anflug auf Zürich diese Worte spricht, kommt auch Gjevat zuhause an. Vieles befremdet ihn inzwischen an der eigenen Kultur. Dass man den Gästen Coca Cola serviert, um wohlhabend zu wirken. Dass das Geld für einen BMW reicht, aber kaum für das Benzin. Dass nicht das eigene Herz den Ehepartner auswählt, sondern der elterliche Verstand. Dass die Frauen Tee servieren, während die Männer gemütlich plaudern. Und dass man als Mann niemals in Tränen ausbricht, selbst wenn es einem richtig elend geht. Das hatte ihm der Vater beigebracht, damals, mit 15 Jahren, als er weinend bei ihm Trost gesucht hatte. Ein Mann muss stark sein, so will es die albanische Kultur. «Warum», ruft Gjevat, und verwirft die Hände, «warum muss ich ein Bild von mir zeigen, das nicht der Wahrheit entspricht?»

1998 beginnt er die Lehre bei Coop. Manchmal lachen die Kinder jetzt über den Vater. Über sein Baustellen-Deutsch, den Akzent. Sie korrigieren ihn, wenn er die Verben vertauscht, die Präpositionen vergisst. «Redet Albanisch!», flucht der Vater, und die Kinder ignorieren ihn. Er merkt, wie ihnen das Sprechen immer schwerer fällt, wie sie die Worte nicht mehr finden in der eigenen Muttersprache.

Der Vater wird nervös, organisiert einen Lehrer. Für eine Weile lernt Gjevat samstags Albanisch. Schreiben und Lesen und Hören und Sprechen. Aber denken und träumen, das tut Gjevat längst auf Schweizerdeutsch.

Dann wagen die vier Geschwister den Schritt. «Vater, wir wollen Schweizer werden.» Entsetzen. «Wie wollt ihr später im Kosovo leben mit einem Schweizer Pass? Nein, ihr seid Kosovaren. Und ihr bleibt es. Auch auf dem Papier.»

Im Sommer 2000 schliesst Gjevat die Lehre als Detailhandelsassistent ab. Als Zweitbester des Jahrgangs, mit Note 5.4 und Ehrenmeldung. Der Vater ist stolz, und Gjevat ärgert sich, dass er nicht der Beste war. Der Name der Frau, die ihn auf den zweiten Platz verwiesen hat, er weiss ihn noch heute.

Jetzt steht Gjevat vom Bett auf, schreitet zum Pult. «Musterlehrling», grinst er, und klaubt ein Blatt Papier aus einem Sichtmäppchen hervor. «Musterlehrling haben sie mich genannt. «Schau hier, mein Arbeitszeugnis von Coop.» Lehrling, Verkäufer, Rayon-Leiter, Stellvertretender Geschäftsführer zweier Filialen. Ein beruflicher Aufstieg wie im Bilderbuch.

Dann setzt sich Gjevat, der Musterknabe, zurück in den Schneidersitz. Auf sein Bett in einem Zimmer des Ulmenhofs in Ottenbach. Seit Juli letzten Jahres ist es sein Zimmer. «Gjevat, was ist passiert?»

Es war nach der Jahrtausendwende. Sie, eine Serbin, war seine erste Liebe. Und auf Serben, das weiss Gjevat, seit er als kleiner Junge in Koriša den Doppeladler geübt hat, auf Serben sind Albaner schlecht zu sprechen. Und umgekehrt. Sechs Jahre hält das Glück, bis es am Streit der Familien zerbricht. Gjevat ist verletzt, möchte heulen, aber er denkt an die Worte seines Vaters. Stattdessen feiert er die Nächte durch, trinkt und raucht, trifft eine Frau nach der anderen, lässt sich auf sie ein und distanziert sich, sobald etwas Ernstes daraus zu entstehen droht. Gjevat versucht zu verdrängen, nur vergessen kann er nicht. Immer dann, wenn er alleine in seiner Wohnung sitzt, trifft ihn der Schmerz mit voller Wucht. Dann bricht Gjevat in Tränen aus und weint um jene Frau, die er immer noch liebt. Ganz im Stillen, ganz für sich.

«Der Vater, die Mutter, die Geschwister, jemand musste doch verstehen?»

Gjevat winkt ab. «Wir finden dir eine Bessere! Vergiss die!» Ein paar Jahre später, Sommer 2009. Gjevat verbringt die Ferien in Koriša. Es wird das letzte Mal sein. «Schau!», der Vater zückt ein Foto, «das ist Lume. Sie will dich heiraten, noch diesen Sommer.» Gjevat ist fassungslos. Er will sich verlieben und dann heiraten, nicht andersrum. Die Kultur, die Mentalität, «uns trennen Welten», denkt Gjevat. Er sitzt das Kennenlernen ab, passiv und stumm. Seine Gedanken kreisen längst um eine andere Frage. Wo soll er hier, in diesem elenden Hinterland, das Heroin für seinen nächsten Trip auftreiben?

 

«Willst du mal probieren?»

Passiert ist es in einer der unzähligen Partynächte. Seine Geliebte holt aus der Handtasche ein Säcklein mit weissem Pulver hervor. «Willst du mal probieren?» «Ich habe gezögert, Drogen machten mir Angst. Wobei... Wenn eine Frau sich nicht fürchtet, warum sollte ich?» Und vor seiner Bekanntschaft als Weichei dastehen, das ist das Letzte, was er will.

Plötzlich ist die Furcht weg, und Gjevat zieht zum ersten Mal in seinem Leben eine Linie. Jetzt fühlt er sich göttlich, unbesiegbar, spürt nur noch das, was er auch spüren will. Die Trauer, die Enttäuschung, die Wut, all diese bedrückenden Gefühle sind wie weggeblasen.

Freitag, Samstag, Freitag, Samstag.

Linie um Linie, Linie um Linie.

Zuerst kokst Gjevat nur am Wochenende, bald reicht ihm das nicht mehr. Er will jeden Tag unbeschwert sein. Das Glück ist so nah, nur ein Atemzug entfernt.

 

Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag. Sein Konsum nimmt zu.

Bald sind es zwei Gramm täglich, bis die Nase blutet. Das Gift hat sich durch die Nasenscheidewand gefressen, mit jedem Zug ein bisschen mehr. «Sie müssen damit aufhören!», mahnt der Arzt, und Gjevat hört auf. Er raucht jetzt Crack.

Inzwischen wohnt er in Luzern. Wenn er nicht die beiden Coop-Filialen schmeisst, hockt Gjevat mit Süchtigen auf der Gasse herum. Zwei Gramm reichen längst nicht mehr, für die Crack-Pfeife braucht er fünf. Was nun? Zum Glück helfen die anderen aus. «Willst du mal probieren?» Bald raucht Gjevat zum ersten Mal Heroin.

Es ist 2011, und Gjevat ein verurteilter Straftäter. Seine Stelle bei Coop hat er gekündigt. Restaurants, Weinhandlungen, Industriebetriebe, mit Kumpels bricht er ein, rennt dem Geld für den nächsten Trip nach. Und wird jedes Mal erwischt. Dann folgen Betonmauern, eine Stunde Spazieren im Hof und Subutex gegen die Entzugserscheinungen. Solange, bis ihn der Staatsanwalt im abgekürzten Verfahren verurteilt hat. Dann beginnt das Spiel von vorn. Über 25 Strafbefehle und -urteile werden es schlussendlich sein.

Freundin Jasmin, seit 2011 mit ihm zusammen, wartet zuhause auf ihn, aber Gjevat kauft statt Windeln und Milch seinen nächsten Trip. Sohn Loris, geboren im September 2012, macht seine ersten Schritte, aber Gjevat sitzt hinter bewachten Mauern.

2014 hat er genug. All die Lügen, das Leiden seiner Jasmin, die ihn an der Hand nimmt, ihn beim Kampf gegen die Sucht unterstützt, ihm Hoffnung gibt, und die er jedes Mal aufs Neue enttäuscht. Das Leben für die Drogen, Gjevat hält es nicht mehr aus. Auf der Flucht stürzt er von einer Eisenbahnbrücke fünf Meter in die Tiefe. «Das wars», glaubt er, und es ist ihm egal. Er überlebt den Sturz, seine Ferse ist mehrmals gebrochen. «Bitte», fleht er den Haftrichter an, «lassen Sie mich nicht mehr raus.»

Raub, räuberischer Diebstahl, mehrfacher Diebstahl, Sachbeschädigung, mehrfache Hehlerei, mehrfacher Hausfriedensbruch, mehrfache Widerhandlung gegen das Waffengesetz, mehrfache Tätlichkeiten, geringfügiger Diebstahl und geringfügige Sachbeschädigung.

Am 26. März 2015 verurteilt ihn das Kriminalgericht Luzern zu einer Freiheitsstrafe von 2 Jahren und 8 Monaten, der Strafvollzug wird aufgeschoben, zugunsten einer stationären Massnahme. Gjevat beginnt eine Suchttherapie in Solothurn. Und in Luzern wird das Amt für Migration auf ihn aufmerksam. Dieses widerruft seine Niederlassungsbewilligung und weist ihn aus der Schweiz weg.

Im März 2017, als das Kantonsgericht Luzern das Urteil bestätigt, zieht es Gjevat den Boden unter den Füssen weg. Er konsumiert ein letztes Mal, seit Juni 2017 ist er clean. Seit Juli wohnt er im Ulmenhof in Ottenbach in einer betreuten Wohngruppe und führt seine Therapie fort.

Am Donnerstag, 22. Februar 2018, heiratet er seine grosse Liebe Jasmin und nimmt ihren Namen an. Anfang Mai kommt Post aus Lausanne: Das Bundesgericht weist Gjevats Beschwerde ab. Bleiben darf er noch bis zum Ende der gerichtlich angeordneten Therapie. In Luzern wartet das Amt für Migration nun darauf, dass er das Flugticket nach Pristina vorlegt. Und die Schweiz bis spätestens am 7. Mai 2019 verlässt. Als letzte Hoffnung bleibt Gjevat der Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Ob er das Urteil weiterzieht, steht momentan noch offen.

Fremd in der eigenen Heimat

Und nun, da du gehen musst?

«Es ist hart. Die Schweiz ist meine Heimat. Die Heimat meiner Frau, meines Sohnes, der beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben. Aber ich muss für meine Taten geradestehen.» Jeden Sonntagabend verlässt Gjevat seine Familie in Richtung Ottenbach, Ulmenhof. Und Loris weint. «Papi, wie viele Male muss ich schlafen, bis du wieder da bist?» Vier Mal, beruhigt ihn Gjevat dann, und fürchtet sich schon heute davor, was er Loris wird antworten müssen, im Mai 2019.

«Ich bin nicht Schweizer, auf dem Papier bin ich es nicht. Im Herzen aber bin ich es, und darauf bin ich stolz. Aber der Kosovo, der Kosovo ist für mich ein Land wie jedes andere. Ein Land, das ich von Radio, Fernsehen und Wikipedia kenne, ein fremdes Land.»

«Ob ich also Angst habe», fragt Gjevat, immer noch auf seinem Bett in Ottenbach sitzend, im Schneidersitz, leicht geduckt, und mit dem Rücken zur Wand. «Angst, in ein Land auszureisen, in dem ich seit neun Jahren nicht mehr war? Dessen Sprache ich nicht spreche? Dessen Kultur mir fremd ist? Ob ich Angst davor habe, mit meinem zertrümmerten Fuss keine Arbeit zu finden? Ob ich Angst habe, nicht zu wissen, wohin ich gehen werde, weil mich Vater und Brüder kaum in ihren Häusern werden wohnen lassen? Ob ich Angst habe vor einer Zukunft im Kosovo?» Gjevat dreht an seinem Ehering, holt tief Luft.

 

«Ich habe rüdige Angst.»