Herr Hess hört die Amseln

Aus dem Leben eines Affoltemer Rentners

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Im Haus zum Seewadel in Affoltern verbringen Menschen ihre letzten Lebensjahre. Herr Hess ist einer von ihnen. Über das Altwerden und -sein und den Alltag zwischen Erinnerung und Realität, Gemeinschaft und Einsamkeit.

Jeden Morgen um sechs Uhr erwacht im «Seewadel» Affoltern Herr Hess. Sein Wecker sitzt draussen auf Ästen und zwitschert. In den Frühlingsmonaten sind es die Amseln, mittlerweile die Rotkehlchen, die Blaumeisen und die Krähen. Noch zwei Stunden und fünf Minuten.

Vater unser, der du bist im Himmel. Er ist katholisch, aber das ist unwichtig. Glauben tun sie alle, glaubt Herr Hess. Bein hoch, Bein runter. Füsse kreisen, links, rechts. Beine zum Bauch, hoch, runter. Bauch anspannen, hoch, runter. Fünf Schritte zum Tisch, den Stuhl vors offene Fenster, das Duvet über die Stuhllehne, Ventilator an. Lüften und kühlen, jeden Tag. Wie Mutter früher.

Sieben Uhr fünfundfünfzig. Das Duvet ist eingerollt, das Bett gemacht, Herr Hess angekleidet. Jetzt beginnt das Warten. Tick-Tack, sieben Uhr sechsundfünfzig. Tick-Tack, sieben Uhr siebenundfünfzig. Tick-Tack, tick-tack, tick-tack. Dann schlägt es acht Uhr. Und Herr Hess weiss: Noch fünf Minuten, bis er sie endlich abholen darf.

Herr Hess ist 84 Jahre alt. Seine Ohren registrieren das zarteste Gezwitscher, seine Augen erfassen durch Gläser noch jeden Vogel, seine Beine tragen ihn von seinem Bett zum Tisch, und sein Kopf sagt ihm, dass vor den Kraftübungen das Gebet kommt, und vor dem rechten Fuss der linke. Herrn Hess fehlt nichts, morgens kurz nach acht. Nichts, ausser seine Vreni.

«Lass uns den Wagen holen»

Jetzt sitzen Herr und Frau Hess im Speisesaal. Sie isst ihr Brot mit Konfitüre, er seines mit Käse, und manchmal, wenn sie da sitzen, fragt Frau Hess ihren Mann ganz beiläufig, wo er den Renault parkiert habe. «Lass uns den Wagen holen, nach Hause fahren, und wieder mal der Mutter schreiben», murmelt sie dann, und Herr Hess nimmt ihre Hand, ganz ruhig, und erklärt, wie er es schon so viele Male getan hat. Dass das Auto verkauft ist. Dass die Wohnung in Wettswil geräumt ist. Und dass ihre Mutter nicht mehr lebt.

Frau Hess, 86, ist dement. Seit einer Streifung ist sie linksseitig gelähmt und im Rollstuhl. Arm und Hand, Bein und Fuss versagen ihren Dienst. Ein Jahr hatte Herr Hess seine Frau mithilfe der Spitex gepflegt. Tag für Tag – bis jener kam, an dem es nicht mehr ging.

Im Winter 2016 zog Frau Hess in den «Seewadel». Januar, Februar, März. April, Mai, Juni, Juli. Die Monate vergingen, ohne dass ein Tag verging, an dem Herr Hess nicht von Wettswil nach Affoltern zu seiner Vreni fuhr. August, September. Oktober, November, Dezember, Januar. Bis er sich zu Hause vor lauter Einsamkeit nicht mehr zu Hause fühlte. Im Februar 2018 zügelte Herr Hess seine Habseligkeiten in ein Zimmer im «Seewadel». Zwei Etagen über Frau Hess.

«Innen drin fängts an zu rosten»

Die Natur war den beiden stets das Liebste gewesen. Vor ein paar Jahren waren sie mit den Velos noch um den Bodensee geradelt. Und wenn sie es sich nach Stunden des Trampens im Gras gemütlich machten, brieten sie auf dem Camping-Grill Cervelats und liessen den Sekt in die Gläser perlen. Auf die Liebe, das Leben, das Glück.

Heute fährt Herr Hess alleine Velo. Nicht vier, fünf Stunden, nicht um den Bodensee. Morgens trampt er 15 Minuten an Ort und Stelle, im Fitnessraum des «Seewadel». Um 11.30 Uhr führt Herr Hess seine Frau zum Mittagessen aus. Im öffentlichen «Seewadel»-Restaurant ist ein Tisch reserviert. Er schneidet ihr das Kalbssteak, schenkt Wasser nach. Und plaudert mit fremden Freunden. Besuch, ein Hauch von Welt, er fehle im «Seewadel». Ihm nicht, aber vielen andern. «Für viele Menschen kommt niemand vorbei.» Sie isolierten sich, gewollt oder nicht. Die Gespräche, sie handeln vom zwickenden Knie, von den schwindenden Kräften, von Tabletten und Pillen. Von der eigenen Verwundbarkeit.

Zu viel für Herrn Hess, so scheints. Zu wenig, so heissts. «Je älter die Menschen werden, desto mehr reden sie über Krankheit. Der Gesprächsstoff wird kleiner. Sie erleben etwas, das sie nicht begreifen können.» Warum schmerzt plötzlich das Knie, fehlt die Kraft, vergisst das Hirn?

Die Zeit, sie konfrontiert die Bewohnerinnen und Bewohner mit der eigenen Endlichkeit. «Ab 80, da blättert der Lack langsam ab, und innen drin fängts an zu rosten.» Auch deshalb schätzt Herr Hess die Gespräche im «Seewadel»-Restaurant, wenn ihm sein Gegenüber von einer Welt ausserhalb seiner Welt erzählt. Acht Tabletten schluckt Herr Hess pro Tag, damit der Lack hält, der Rost nicht ansetzt. Die Zeit, sie hat auch ihn verwundbar gemacht.

Die Gebrechlichkeit der anderen

Nach dem Essen muss Herr Hess schmunzeln, immer wieder. All diese Rollatoren, geparkt in Reih und Glied. Eilig schiebt Herr Hess seine Vreni zum Lift, damit sie oben ist, bevor «es losgeht». Los geht es, sobald die Rollatoren bei ihren Besitzerinnen und Besitzern an den Tischen sind. Dann sei der Lift besetzt, mindestens eine halbe Stunde lang. Und wenn wieder ewig keiner zu kommen scheint, wird ungeduldig an die Türe gepoltert.

Ist das Personal gerade nicht zur Stelle, hilft Herr Hess. Mit «du-uuu» fühlt er sich angesprochen. «Im ‹Seewadel› sagen wir uns einfach ‹du›. Man vergisst die Namen sowieso. Alles kann sich der Kopf nicht mehr merken.» Er hält die Türe auf, bückt sich, wenn ihnen etwas zu Boden fällt. Gottlob, sein Körper macht das noch mit. Ihrer nicht. «Sie wollen, aber es geht nicht mehr». Diese alten gebrechlichen Menschen, in ihrer ganzen Hilflosigkeit. Sie tun ihm leid.

Seine Vreni vermisst ihn, sobald er ausser Sichtweite ist. Heimweh nach ihm, so nennt er es. Jetzt aber macht Frau Hess ihren Mittagschlaf. Und Herr Hess döst im Stuhl neben ihr. Wenn er mit seiner Frau redet, wägt er die Worte ab, achtet auf den Tonfall. Am liebsten schwärmt er mit Vreni von alten Zeiten, daran erinnert sie sich. An vieles andere nicht. Dann wird sie böse: «Das hast du mir noch nie erzählt!» Und Herr Hess probiert, das Gesprächsthema zurück auf die Vergangenheit zu lenken. Die Krankheit, sie lässt sich nicht abstreifen. Er merke, wie Vreni mit sich hadere, so auch, wenn sie nach einem Stift fragt, und feststellt, dass sie ihn nicht mehr in ihren Fingern halten kann. «Dinge plötzlich nicht mehr zu können, die früher automatisch gingen, das muss der Mensch verkraften.»

Um 14 Uhr wird Frau Hess geweckt. Manchmal packt Herr Hess sein «Bündel» und geht mit Vreni raus an die Sonne. Dann schiebt er ihren Rollstuhl über den Bahnhofplatz, hin zu einer Bank im Grünen, öffnet einen Sekt und lässt ihn in die Gläser perlen. Wie damals, als sie noch jünger waren. Die Medikamente und der Alkohol, das verträgt sich, sagt Herr Hess. Was der Herrgott erschaffen hat, kann für den Menschen nicht schlecht sein.

«Muss ich ewig hierbleiben?»

Nach dem Abendessen im Speisesaal bringt er seine Vreni hoch in ihr Zimmer, hilft ihr beim Zähneputzen. «Ich danke dir vielmal, dass du da bist und mir hilfst», sagt sie danach zu ihrem Mann. Jeden Tag.

Die Haut unter seinem Ehering ist blass, Herr Hess trägt ihn seit 58 Jahren. Inzwischen passt er nicht mehr über den Ringfingerknöchel. «Den Ring werde ich tragen, bis ich sterbe.» Um 18.30 Uhr legt die Schwester Vreni in ihr Bett. Für sie beginnt die Nacht. Am helllichten Tag.

Am Abend hat Herr Hess Zeit für das, wozu ihm tagsüber die Zeit fehlt. Telefonate, Bestellungen und Besuch. Doch für ihn kommt niemand. Das Paar blieb kinderlos, die Eltern sind verstorben, der Grossteil der Verwandtschaft ebenfalls.

«Muss ich ewig hierbleiben?», fragt Frau Hess ihren Mann an schlechten Tagen. Sie hofft, dass ewig nicht mehr allzu lange dauert. «Wenn ich nur sterben könnte», betet die 86-Jährige immer öfter. Und Herr Hess? «90 werden, warum nicht?» Obwohl auch bei ihm das Knie zwickt, die Kräfte schwinden, sei es ab 80 noch ganz angenehm, solange man gesund sei. Aber wehe, wenn es sich ändert. «Dann ist es besser, wenn man sterben kann.» Und 100 oder gar 115, nein, so alt möchte Herr Hess nicht werden, um Himmels Willen nicht.

Abends setzt sich Herr Hess auf sein Sofa und schenkt sich ein Glas Roten ein. Jeden Abend ein Gläschen. Oder auch zwei. Dazu schaut er die Tagesschau, Tiersendungen, was gerade über seinen Bildschirm flimmert.

«Hast du gesehen?», «Schau mal da!» – all das fällt weg. Weil niemand antwortet. Und mit sich selber, nein, mit sich will Herr Hess nicht anfangen zu reden.

Wenn die Wanduhr Viertel nach neun schlägt, stellt er den Fernseher aus. Das Leben kann warten, Herr Hess muss schlafen. Er hat morgen viel vor. Um sechs Uhr wird er vom Gezwitscher erwachen, zu Gott beten, im Bett turnen. Und um fünf nach acht seine Vreni abholen.