Beim kritischen Denken herrscht Nachholbedarf - auch bei Lehrpersonen

Kommentar zum Beitrag "Wenn Die Sponsoren im Klassenzimmer den Ton angeben"

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Letzte Woche wurden die Ergebnisse der neusten Pisa-Studie veröffentlicht. Im Umgang mit digitalen Textquellen schnitten Schweizer Jugendliche mittelmässig ab. Jeder vierte 15-Jährige versteht die Grundidee eines Textes nicht. Und: Nur jeder zehnte ist in der Lage, in einem Text Fakten von Meinung zu unterscheiden.


Weil sich die Leseinhalte vom Papier weg auf die Tablets und Smartphones verschieben, wird die Lesekompetenz immer mehr zur Medienkompetenz. Kinder und Jugendliche sind nicht nur darin gefordert, einzelne Wörter, Sätze und ganze Texte flüssig zu lesen und im Zusammenhang zu verstehen: Sie müssen auch lernen, elektronische Medien und deren Inhalte für ihre Ziele und Bedürfnisse zu nutzen – und dabei nicht zum leichten Ziel der anderen zu werden. Wer sagt was? Mit welcher Absicht? Woher stammt die Information und stimmt das, was da steht? Kann es überhaupt stimmen?


Beim Umgang mit elektronischen Medien ist kritisches Denken mehr denn je gefragt. Wie aber sollen Kinder und Jugendliche diese Fertigkeit erlernen und trainieren, wenn selbst ihre Lehrpersonen bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials nicht mehr zwischen Fakten und Meinungen unterscheiden?


Sie setzen vertrauensvoll auf die Kurse von privaten und halbstaatlichen Firmen. So schult die Swisscom die Klassen darin, wie sie im Internet Fakten erkennen – und sie tut das mit Materialien und Argumenten, die primär darauf abzielen, die Jugendlichen in ihrer Meinung zum Unternehmen und dessen Geschäftspolitik zu beeinflussen. Statt dass man ihnen beibringt, Manipulation zu erkennen, werden die Jugendlichen unbewusst daran gewöhnt, sich für die Ziele anderer instrumentalisieren zu lassen. Das ist das Perfide an gelungener Meinungsmache: Am erfolgreichsten ist sie, wenn sie unbemerkt bleibt.
 

Wenn die Volksschule externen Beeinflussern in derart unreflektierter Manier die Unterrichts-Bühne überlässt, verfehlt sie ihren Bildungsauftrag. So entwickeln sich die Kinder und Jugendlichen nicht zu kritischen Erwachsenen, sondern zu unmündigen Konsumenten. Und zu einem leichten Ziel.

Erschienen im Anzeiger des Bezirks Affoltern vom 10. Dezember 2019