Sandy von der Zürichstrasse 82

Sommerserie «Eintauchen» (4) – Livia Häberling im Studio Oh-Lala in Affoltern

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Im ersten Stock des Hauses vis-à-vis der Papeterie Kunz befindet sich das Studio Oh-Lala. Dort verkauft Sandy* ihren Körper. Sie hat sich mit ihrem Beruf arrangiert – indem sie arbeitet, aber nicht denkt. 

Es ist Freitag, kurz nach halb Zwei. Sandy existiert heute seit zweieinhalb Stunden. Fliederfarbenes Top, dezentes Make-up, Locken mit Mèches. Am Handgelenk eine Uhr, an den Fingern zwei Ringe. So sitzt sie da. In der Luft der Qualm von Zigaretten, auf dem Tisch eine Vase mit Rosen. Sandy heisst eigentlich anders. Aber hier, im Studio Oh-Lala, ist sie ohne Name, ohne Alter, ohne Herkunft. Es sei nur ein Job, sagt sie. Ein ganz normaler Job. Auch heute stieg sie kurz vor 11 Uhr die Treppen hoch, schloss die Türe zur Mietwohnung auf, zog ihre Glitzer-Unterwäsche an. Vorher hatte sie sich einen feinen Lidstrich gezogen, die Wimpern getuscht, die Locken frisch gemacht. Mit wenig Schminke, so mögen sie ihre Kunden am besten. Nicht zu streng, nicht zu dominant, nicht zu angsteinflössend. Sondern ganz lieb und natürlich, ganz Sandy.


Denk! Nicht! Nach!

Am Anfang, ja, da sei es schwierig gewesen. Wegen der Seele und so. Aber jetzt, nach 15 Jahren im Geschäft? Jetzt gehe es. «Du machst einfach deinen Job. Du lernst, wie es geht, und machst immer das Gleiche. Irgendwann geht es automatisch. Fliessbandarbeit, wie in der Fabrik, weisst du?» Wenn Sandy über ihren Job redet, diesen ganz normalen Job, dann verändert sich ihre Wortwahl. Sie spricht ihr gegenüber direkt an. Sandy redet zu jemandem, aber niemals von sich. Ihre Worte scheinen einen Empfänger, aber keinen Absender zu haben. Ganz so, als ob sie von ihrer Kunstfigur Distanz nähme.


«Wichtig ist, dass du das Private vom Beruf trennst.» Wenn Sandy arbeitet, muss sie ihren Kopf abstellen, die Gedanken unter Kontrolle halten. «Du darfst nicht an das denken, was du machst. Du musst einfach nur machen.» Und wenn die Türe nach Schichtende hinter ihr ins Schloss fällt? «Auch dann denkst du nicht mehr daran. Du willst nicht denken.» Abend für Abend lässt die Frau ihre Kunstfigur Sandy und deren Erlebtes an der Zürichstrasse 82 zurück.


Die meiste Zeit verbringen die «Meitli» mit Warten

Sandy spricht mit Akzent. Sie ist nicht von hier, aber schon lange da. Inzwischen ist sie Schweizerin. Ihre Herkunft will sie nicht verraten, ihr Alter schon gar nicht. «Keines der Meitli will, dass man ihr richtiges Alter kennt.» Meitli. Der Begriff fällt mehrfach und scheinbar ganz selbstverständlich, wenn es um die Studio-Mitarbeiterinnen geht. Manche sind Mitte zwanzig, andere gegen 40. Die Betreiberin betont, keine Minderjährigen anzustellen. Dennoch ist es kein Zufall, dass in dem Gewerbe für Erwachsenen-Dienstleistungen mit Jugendlichkeit kokettiert wird: Auch in der Prostitution gilt häufig: je jünger, desto besser. Auch wenn sie es nicht so recht bestätigen will: Ein bisschen geschwindelt wird immer. Vier bis fünf Jahre jünger werden die Frauen auf den Websites und Werbeinseraten gemacht.

 

Das Studio hat täglich geöffnet. Von ihren Einnahmen gibt Sandy einen Teil an die Betreiberin ab. Damit werden Wohnungsmiete, Sozialabgaben und der Lohn der Chefin bezahlt. Heute hatte Sandy noch keinen Kunden. Manchmal sind es zwei, drei am Tag, manchmal wartet sie vergebens. Die Frauen arbeiten in Schichten, sie können sich ihre Zeiten selbst einteilen. Filme schauen, Schwatzen, Onlineshopping, Joggen, Waschen, Putzen. Den Grossteil des Tages verbringen sie mit Warten auf Kundschaft. Diese ist zwischen 20 und 85 Jahre alt, und kommt vor dem Ausgang, in der Mittagspause oder nach Feierabend. Meist heimlich, versteht sich.


Der Kunde bezahlt für eine Projektionsfläche

Zwangsprostitution existiert auch in der Schweiz. Sandy versichert mehrmals, freiwillig hier zu sein. Wenn ihr ein Kunde nicht passt, darf sie ihn ablehnen. Dann verdient sie allerdings nichts, «deshalb musst du bei denen die Zähne zusammenbeissen.» Manchmal kommen auch Kunden zur Tür herein, die ihr gefallen. Dann ist sie stolz, die Auserwählte zu sein. Benutzt fühlt sie sich nicht. «Warum? Der Kunde hat ja dafür bezahlt.»

 

Wofür bezahlt der Kunde, wenn er Zeit mit Sandy verbringt? Für den Körper einer Kunstfigur? Ist sie das überhaupt? Sie wandelt zwischen Fiktion und Wirklichkeit, leiht sich optische Attribute einer real existierenden Person. Abgesehen davon hat die Figur nichts Charakteristisches. Sandy ist nicht die Summe ihrer Eigenschaften, sie wandelt sich mit der Fantasie, den Träumen und den Wünschen jedes Kunden. Sandy ist die Summe der Eigenschaften ihrer Kunden. Und damit vor allen Dingen eines: eine leere Projektionsfläche.


Schüchternes Grüssen in der Migros

Und die Rosen in der Vase? «Was ist damit?» Sie sind rot. Eine Studio-Mitarbeiterin hat sie der Kollegin geschenkt. Also keine Liebesgeste? «Nein. Die Farbe ist uns egal. Wäre uns nicht mal aufgefallen. Einerlei.» Sandy überlegt. «Vielleicht sind wir inzwischen abgehärtet.» Manchmal verwischen sich bei den Kunden Träume mit der Realität. Sie verlieben sich in
die Natürlichkeit von Sandy, in ihre liebe, unkomplizierte Art. Sie machen Geschenke, Uhren und Gutscheine und Schokolade und Blumen. Sandy nimmts gelassen. Sie hat Erfahrung mit Liebesbekenntnissen und weiss: Die Schwärmerei geht vorbei. Die Kunden sind im Studio Oh-Lala in einer anderen, ihrer eigenen Welt. Die Traumfrau ist nichts mehr und nichts weniger als das Produkt aus Fantasie und Sehnsucht. Sandy mit all ihren Facetten, sie existiert bloss in den Köpfen.

 

Ab und zu trifft sie Kunden beim Einkaufen, in der Migros oder anderswo. Dann gilt das Credo: Auf keinen Fall zuerst grüssen. Manche Kunden laufen wortlos vorbei, andere stammeln «Grüezi» und eilen davon. Und dann sind da noch jene, die ganz freundlich sind – während sie die Ehefrau an der Hand halten. Sandy dagegen ist Single. Bei neuen Bekanntschaften quält sie stets die gleiche Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um von ihrer Arbeit als Prosti
tuierte zu erzählen? Eigentlich nie, musste sie feststellen. Die meisten Männer würden eifersüchtig, die Trennung zwischen Privatleben und Arbeit fällt schwer. Sie haben Mühe mit ihrem Job, ihrem ganz normalen Job.


Am Abend zieht Sandy ihre Glitzer-Unterwäsche aus, wird zur Frau mit Namen, Alter und Herkunft. Nur die Uhr von dem einen Kunden behält sie an. Weil sie so schön ist. Dann zieht sie die Türe hinter sich zu, steigt die Treppen runter, verlässt die Zürichstrasse 82. Und ein Teil von Sandy geht mit ihr.

Dieser Beitrag ist am 27. Juli 2018 im Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern erschienen.