Unterrichten ist kein Kinderspiel

In einer Kindergarten-Klasse in Knonau wehte am Frauenstreiktag ein rebellischer Geist

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Ursula Stierli arbeitet in Knonau als Kindergärtnerin. Am Freitag demonstrierte sie für mehr Anerkennung ihres Berufsstands. Ehemann Bernhard Stierli sprang für sie ein – und erlebte einen turbulenten Morgen.

Vielleicht war es der kürzeste Arbeitstag, den sie in 38 Berufsjahren als Kindergärtnerin hatte. Es ist zwanzig nach acht an diesem Freitagmorgen, als hinter Ursula Stierli im Schulhaus die Türe ins Schloss fällt. «Heute ist ein spezieller Tag», haben die Kinder ein paar Minuten zuvor erfahren, und vielleicht hat das die eine oder der andere auch vorher schon bemerkt. Da ist nämlich nicht nur ihre Lehrerin, Frau Stierli. Da ist auch deren Ehemann Bernhard, der heute nicht im Büro, sondern neben seiner Frau auf einem Holzstuhl im Kreis sitzt. Und da sind diese schwarzen T-Shirts, darauf ein Körper mit verschränkten Armen und eine beschriftete Wolke, die den Kopf verdeckt: «14.6.19. Frauen*streik».

«Wir beide tragen heute diese Shirts, weil wir möchten, dass es nicht darauf ankommt, ob man ein Mädchen oder ein Junge ist, eine Frau oder ein Mann», erklärt die bald 59-Jährige den 17 Kindern, die mit ihr im Kreis sitzen. Weil Frauen und Männer noch nicht in allen Bereichen die gleichen Rechte hätten, gehe sie heute nach Zürich, um zu streiken. «Herr Stierli ist währenddessen bei euch im Kindergarten», sagte sie, steht auf, dreht eine Runde im Kreis, klatscht alle Kinder per Handschlag ab, sagt «Tschüss» und setzt ihren Velohelm auf. Später, in Zürich, wird sie ihn gegen einen gelben Bauhelm tauschen. Ursula Stierli streikt an diesem 14. Juni. Für mehr Gleichberechtigung der Geschlechter, aber auch für mehr Anerkennung ihres Berufsstands – und gegen die «Baustelle Kindergarten».

 

Ein besonderes Geschenk zum Hochzeitstag

Baustellen – damit kennt sich Ehemann Bernhard Stierli bestens aus. Seit 1987 führt der 60-Jährige in Affoltern sein eigenes Architekturbüro. Heute wird er für einen Tag zum Kindergärtner. In der Vergangenheit seien sie sich in Geschlechterfragen nicht immer einig gewesen, erklären die beiden, als sie vor Unterrichtsbeginn im leeren Schulzimmer sitzen. «Ich streike heute nicht nur für die Frauen, sondern auch für Männer. Dafür, dass sie in der Kinderbetreuung nicht mehr diskriminiert werden», erklärt sie. Und er ergänzt, als Vater zweier Söhne habe auch er erlebt, wie herausfordernd es sei, Familie und Job unter einen Hut zu bringen.

Die Schulleitung war über die Streikteilnahme von Ursula Stierli informiert. Die Bedingung war, dass der Unterricht normal stattfindet. Also fragte sie ihren Ehemann als Aushilfe an, und er sagte zu. Einerseits, weil er ihre Anliegen unterstützt. Und dann war es halt eben so, dass sich der Hochzeitstag mit seiner Gattin just am 14. Juni zum 33. Mal jährte. Da darfs auch mal ein Geschenk sein. Und wenn um viertel vor zwölf das letzte Kind das Schulhaus verlässt, darf resümiert werden: Diese Stellvertretung war ein ziemlich grosszügiges Geschenk.

Autorität will verdient sein

«Wohii gaht d Frau Stierli?», fragt ein Bub, jetzt, wo Bernhard Stierli mit der ihm anvertrauten Kinderschar alleine im Kreis sitzt. «Du häsch de falschi Stuel», ruft einer, «du häsch zwei Chöpf», ein anderer. «Ich bin hüt eui Chindergärtnerin», sagt Herr Stierli, «aber es gälted die genau gliche Regle, wie wenn d Frau Stierli da isch.» Das allerdings sehen die Kinder ein bisschen anders. «Uf de Herr Stierli müemer nöd lose», raunt jemand. Bald wird aus den einzelnen Wortmeldungen ein fröhliches Geplapper, und aus dem Geplapper wird Übermut. Ein Junge hält es auf seinem Stuhl nicht mehr aus, ein zweiter auch nicht mehr, ein dritter, ein vierter. Die Buben rennen durchs Klassenzimmer, schmeissen mit Schachteln und Bastelmaterial um sich, kreischen und kämpfen. Zwischenzeitlich versteht man das eigene Wort nicht mehr, und als einer der kleinen Querulanten gefragt wird, weshalb er nicht höre, wenn Herr Stierli rufe, sagt er: «Will hüt de Seichtag isch.»

Bernhard Stierli kennt die Arbeit als Lehrer. Seit Jahren unterrichtet er im Teilzeitpensum an einer Berufsschule die angehenden Hochbauzeichner. Auch im Kindergarten war er schon öfter mit dabei, mal als Begleitperson, mal an Abschlussfesten. Ihn habe die Stellvertretung auch gereizt, um die Arbeit seiner Frau einmal hautnah zu erleben. Dass die Kinder an diesem Morgen so übermütig und zuweilen frech werden, habe er jedoch nicht erwartet. «Die Kinder scheinen mich nicht als Autorität zu akzeptieren, weil ich nicht Frau Stierli, sondern Herr Stierli bin.» Zwei Hände seien für 17 Kinder schlicht zu wenig, erklärt er, und stellt bei sich eine «gewisse Hilflosigkeit» fest.

Mehr helfende Hände – das ist eines der Anliegen, für das Ursula Stierli an diesem Freitag auf die Strasse geht. Sie fordert gleich viele «Teamteaching»-Lektionen wie in der Primarschule. «Wenn zwei Lehrpersonen anwesend sind, können wir besser auf die Kinder eingehen.» In diesem Bereich sei Knonau vorbildlich. «Bei uns ist die Heilpädagogin während vier Lektionen pro Woche anwesend, ausserdem werden wir durch Zivildienstleistende unterstützt.» Ihr Protest richte sich in dieser Hinsicht nicht gegen die Gemeinde, sondern gegen die gesetzlichen Vorgaben.

Auch anderes läuft in ihrem Beruf verkehrt, wie Ursula Stierli findet: «Zwar absolvieren Lehrpersonen für den Kindergarten und die ersten drei Primarschulstufen dieselbe Ausbildung. Wenn sie jedoch im Kindergarten unterrichten, beträgt das maximale Pensum 88 Prozent – und der Lohn ist tiefer als jener der Primarlehrpersonen.» Zwar sei man sich einig, dass der Kindergarten den Anfang der Primarschule bilde, doch wenn es Ressourcen brauche, dann sei man sehr zurückhaltend.

Segelschiffe und Flöten zum Znüni

Nach dem Tumult ist im Schulzimmer von Bernhard Stierli wieder Ruhe eingekehrt. Er hat sich bei der Kindergärtnerin im ersten Stock Hilfe geholt. Vier Buben verbringen die nächste Stunde in ihrer Klasse, der Geräuschpegel ist wieder erträglich. Ein Mädchen bastelt an der Leinwand ein Bild, ein anderes klebt Styroporteilchen und bunte Papierschnipsel auf ein Papier. Und dann ist da noch der Junge, der den ganzen Morgen lang eine Bauchredner-Puppe auf dem Arm hält, ihr die Schühchen anzieht, das Shirt zurechtrückt und mit ihr Gespräche führt.

Um 9.30 Uhr gibts Znüni. Aber vorher gibts noch einen Znüni-Song, Logo! «Risotto Patate Café», singen die Kinder, und Herr Stierli stimmt mit ein. Dann muss er seine Schnitzkünste unter Beweis stellen. Ein Mädchen übergibt ihm einen Apfel und wünscht sich ein Segelschiff. Ein Junge hat ein Rüebli dabei und möchte eine Flöte. Schnipp, schnapp – «Sie hät halt nur zwei Tön», sagt Herr Stierli, als er das Instrument übergibt. «Bi de Frau Stierli hät sie aber sächs», trötzelt der Junge – und spielt bald munter los.

 

Und dann heisst es: aufräumen, aufräumen, aufräumen!

Nach der Pause trifft Philipp Emmenegger ein. Er leistet Zivildienst und unterstützt Ursula Stierli immer freitags während zwei Lektionen. Ihn habe «ein bisschen der Schlag getroffen», als er das Chaos im Klassenzimmer gesehen habe, gesteht er später. Nun toben sich die übermütigen Kinder mit ihm auf dem Spielplatz aus, während Herr Stierli die anderen im Raum beim Basteln und Malen unterstützt. Und natürlich ist er als Zuschauer anwesend, als zwei Kinder ihre «Dynamit-Bombe» zünden – und die Weinkorken quer durch das Zimmer schleudern.

Um 11 Uhr ist es Zeit, die Spuren dieses turbulenten Morgens zu beseitigen. Styroporteile, Papierfetzen, Legofiguren, Duplo-Bauklötze, Weinkorken, Spielzeugautos, Schachteln. All das liegt auf

dem Fussboden des hinteren Raumes. 40 Minuten dauert die Aufräumaktion – an der sich nahezu alle Mädchen diskussionslos beteiligen, währenddessen bei mehreren Jungs ausgerechnet jetzt die Kräfte nachlassen.

Und dann ist Schluss: Eine letzte Runde im Kreis, Schuhe anziehen und ab nach Hause. Und Herr Stierli? Er fand es «spannend», ist aber «nicht unglücklich», dass es vorbei ist. «Ich unterrichte seit vielen Jahren, und ich war auch schon mehrmals mit einer Berufsschulklasse eine Woche in Venedig. Aber dieser Morgen», sagt er, «der war bis jetzt die grösste Herausforderung.»