Eltern spielen «Taxi»
- und gefährden andere Kinder

Elterliche Fahrdienste zu Primarschulen und Kindergärten sind im Säuliamt hoch im Kurs.

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Immer mehr Eltern chauffieren ihre Kinder am Morgen zur Schule oder in den Kindergarten. Dadurch schaffen sie mit ihren Fahrzeugen nicht nur eine Gefahrenzone vor dem Schulareal – den eigenen Kindern entgehen durch den Taxiservice auch wichtige Lebenserfahrungen, sagen Experten.

Als der Helikopter auf dem Pausenplatz landet, kichern die Eltern. Das Beispiel im Video sei natürlich überspitzt, sagt der Kinder- und Jugendinstruktor der Kantonspolizei, Peter Baumann, der an jenem Abend in Ottenbach die Eltern der neuen Kindergärtlerinnen und Kindergärtler zum Thema «Schulweg» sensibilisiert. Natürlich wird das Normalo-Kind nicht via Luftweg in die Schule geflogen, auf dem Strassenweg aber, da hat sich der elterliche Bring- und Holdienst längst etabliert. Gemäss einer TCS-Studie aus dem Jahr 2019 werden in der Schweiz 14 Prozent der Schülerinnen und Schüler in die Schule gefahren. In der französisch-sprachigen Schweiz sind es rund 30 Prozent, in der Deutschschweiz ist der Anteil mit sieben Prozent deutlich tiefer.

«Das Schulareal ist mittlerweile gefährlicher als der Schulweg»

Doch: Auch in Affoltern habe sich die Problematik der sogenannten «Eltern-Taxis» in den vergangenen zwei, drei Jahren verschärft, sagt Claudia Spörri, Präsidentin der Primarschulpflege. «Die Kinder werden am Morgen vor dem Schulareal abgeladen und nach dem Unterricht am Mittag wieder abgeholt.» Das führe auf der Quartierstrasse regelmässig zu chaotischen Zuständen, bei denen die Sicherheit der Schülerinnen und Schüler in der Vergangenheit teilweise gefährdet gewesen sei. Ab Sommer 2018 habe man die Eltern-Prävention zwar verstärkt und am Strassenrand mit Pylonen zu signalisieren versucht: «Hier bitte nicht anhalten.»

 

Dennoch sei es im Frühling 2019 beinahe zu einem Unfall gekommen, als eine Erstklässlerin vor der Primarschulanlage Butzen von einem Auto touchiert worden sei. «Nach diesem Vorfall war für uns klar, dass es so nicht weitergeht. Es kann nicht sein, dass das Areal vor dem Schulhaus gefährlicher ist als der Schulweg». Daraufhin habe man beim Kanton Zürich Druck gemacht, um in der betroffenen Strassenzone behördliche Massnahmen umzusetzen – diese hatte der Kanton Zürich zuvor abgelehnt. Ende August 2019 wurden an der betreffenden Strasse mehrere Tafeln montiert, die den Autos das Anhalten zwischen 7 und 17 Uhr verbieten. Durch die Verbotstafeln hat die Stadtpolizei Affoltern nun eine Rechtsgrundlage, um fehlbare Personen zurechtzuweisen oder zu büssen. Nach den Ferien führe man jeweils Kontrollen durch, schreibt Stadtschreiber Stefan Trottmann auf Anfrage.

 

Kinder würden lieber zu Fuss gehen

Was aber, wenn die Polizei gerade nicht an der Butzenstrasse patrouilliert? Dann wird die Signalisation gerne ignoriert, wie sich am Mittwochmorgen bei einem Augenschein zeigt. Ein Auto nach dem anderen hält in der Verbotszone an, wendet, fährt rückwärts. Diese Manöver machen die Situation besonders gefährlich, sagt Claudia Spörri. Manche Eltern hätten dafür jedoch wenig Gehör: «Eines Tages konnte der Transportbus der Heilpädagogischen Schule nicht mehr anhalten, weil der Parkplatz von Privatautos besetzt war. Als die Schulleitung der HPS auf dem Gelände für Ordnung sorgen wollte, ist es mehrfach zu wüsten Szenen gekommen.» Weil die Eltern für den Schulweg der Kinder die Verantwortung tragen, liessen sich manche ungern  etwas sagen. Die Problematik mit den Elterntaxis zeige sich nicht nur vor der Schulanlage Butzen, sondern zum Beispiel auch beim Kindergarten Breiten oder Spittel.

Auch in anderen Gemeinden sieht es ähnlich aus. In Bonstetten habe man derzeit zwar weniger Probleme, das Phänomen zeige sich jedoch wellenartig und habe in der Vergangenheit auch schon in den Quartalsbriefen an die Eltern thematisiert werden müssen, heisst es auf Anfrage. In Stallikon ist die Schulinterne Projektgruppe «Sicherheit auf dem Schulweg» ständig am Thema dran: Einmal im Jahr, nach dem Schulstart im August, bäckt Schulpflegerin Manuela Durante jeweils zwei Kilogramm Mailänderli in Smiley-Form: Eltern, die ihre Kinder fahren, kriegen ein trauriges, jene, die ihre Kinder zu Fuss begleiten, ein fröhliches. Dieses Jahr haben die Schülerinnen und Schüler Plakate gemalt. Auf einem vor dem Schulareal steht: «No Elterntaxis». Den Kindern sei  es häufig unangenehm, wenn ihre Eltern für den Fahrservice «getadelt» würden, sagt Durante: «Viele würden lieber zu Fuss gehen, statt bis vor das Schulhaus chauffiert zu werden.»

Der Schulweg als Entdeckungsreise

Die Gründe für den Fahrservice werden von den Fachpersonen an unterschiedlichen Stellen verortet: Manche Eltern hätten Angst, dass sich ihr Kind im Strassenverkehr nicht behaupten kann, bei anderen dürfte es eher am Zeitdruck liegen: «Der Schulweg des Kindes muss in die morgendliche Planung mit einkalkuliert werden. Es braucht weniger Vorlaufzeit, das Kind mit dem Auto vor dem Schulhaus abzuladen, als es rechtzeitig aus dem Haus zu schicken», sagt Kinder- und Jugendinstruktor Peter 

Baumann. In seinen Verkehrsschulungen erlebt er die Kinder als konzentriert und aufmerksam. Die Erfahrung zeige, dass sie sich mit den erlernten Verhaltensregeln auf dem Schulweg gut zurechtfinden.

 

Für das Selbstbewusstsein und damit für die Entwicklung der Kinder sei es wichtig, dass man ihnen etwas zutraue, sagt auch Christina Schäpper, Leiterin des Schulpsychologischen Diensts des Bezirks Affoltern. Auch wenn das von den Eltern erfordere, das Kind ein Stück loszulassen. Dies jedoch lohne sich, sagt sie: «Der Schulweg ist für die Kinder eine grosse Entdeckungsreise.» Nicht nur die Bewegung an der frischen Luft tue ihnen gut, auch ihre Selbstständigkeit werde gefördert, und es könnten unterwegs Freundschaften gepflegt werden. Sind die Kinder im Verkehr noch unsicher, sollten die Eltern den Weg mit ihnen üben. Für sie ist klar: «Kinder, die ihren Schulweg nicht selbstständig zurücklegen, verpassen etwas.»
 

Dieser Beitrag ist am 2. Oktober 2020 im Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern erschienen.