Das Geschäft rentiert kaum noch

Neues Konsumverhalten, Preisdruck und tiefe Löhne: Goldschmiede haben es immer schwerer.

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Jakob und Marianne Meier führen in Affoltern die letzte Goldschmiede im Bezirk. Ihr Geschäft existiert seit 31 Jahren, doch auch für sie ist es in den vergangenen Jahren immer anspruchsvoller geworden, ihren Betrieb rentabel zu führen.

In einer Vitrine der Ämtler Goldschmiede von Jakob und Marianne Meier liegt ein silberner Halsketten-Anhänger auf. Vielleicht ist es Ironie, dass ausgerechnet diese Kreation bei seiner Kundschaft besonders beliebt ist. Das Schmuckstück hat Meier als «Corona-Stern» während des Lockdowns angefertigt, es soll Solidarität ausdrücken. Nun, da auch ihre Pensionierung langsam näher rückt, denken die beiden vermehrt darüber nach, das Geschäft in jüngere Hände abzugeben. Nach dem Lockdown umso mehr. Jakob Meier fertigt nicht nur neue Schmuckstücke an, er macht auch Reparaturen oder entwirft auf Auftrag aus bereits vorhandenem Material neue Kreationen. Nach der Wiedereröffnung Mitte Mai ist das Geschäft nur sehr schwerfällig angelaufen. Die Auftragslage ist düster.


Allerdings, auch das sagt Meier, sei die wirtschaftliche Situation bereits vor dem Lockdown angespannt gewesen. In den letzten Jahren sei der Bedarf an seinen Dienstleistungen stetig zurückgegangen: «Heute muss der Schmuck möglichst günstig sein. Die Qualität und das Handwerk sind für die meisten Kunden zweitrangig geworden», hat er festgestellt. Beliebt seien hingegen Schmuckstücke von grossen Händlern, die tausend- und zehntausendfach produziert werden. Einzigartigkeit sei heute weniger gefragt. Ob es bei einer allfälligen Schliessung der Ämtler Goldschmiede eine Nachfolgelösung gibt, ist offen.


Jugendliche kreieren lieber am Computer als von Hand

An mangelndem Nachwuchs liege es nicht, sagt Andrea von Allmen vom Verband Schweizer Goldschmiede und Uhrenfachgeschäfte (Vsgu): «Der Beruf ist für jüngere Berufsleute attraktiv», ist sie überzeugt. Die wenigen angebotenen Lehrstellen für die vierjährige Ausbildung würden meistens von mehreren Interessierten begehrt. Sie könne sich sogar vorstellen, dass die Popularität des Berufs künftig steigen werde, weil jüngere Menschen Handarbeit wieder mehr schätzen würden und weil es im Trend liege, Dinge selber herzustellen.


Etwas anders tönt das beim Berufsinformationszentrum biz in Urdorf: «Wir beobachten, dass das Interesse an dieser Ausbildung in den letzten 10 bis 15 Jahren gesunken ist», sagt Leiterin Yvonne Christen. Handwerk mit filigranem, präzisen Arbeiten sei im Allgemeinen weniger gefragt, das Kreative hingegen schon – jedoch in anderer Form: «Jugendliche, die gerne gestalten, machen das heute lieber mit dem Computer, um Beispiel als Interactive Media Designer oder als Mediamatiker.» In den letzten sieben Jahren seien im ganzen Kanton Zürich pro Jahrgang maximal vier Lehrverhältnisse abgeschlossen worden – es gab Jahre, in denen gar kein Lehrvertrag für diesen Beruf unterzeichnet worden sei, so Yvonne Christen.


Diese tiefen Zahlen hätten auch damit zu tun, dass es heute nur noch wenige Geschäfte gebe, die Lernende ausbilden, sagt Marianne Glutz. Sie ist Rektorin der Schule für Gestaltung Zürich, einer von sieben schulischen Ausbildungsstätten für Goldschmiedinnen und Goldschmiede in er Schweiz. Sie sagt, in den vergangenen zwei, drei Jahren habe sich die Zahl der Ausbildungsbetriebe wieder stabilisiert, allerdings habe es bis vor zirka zehn Jahren einen stetigen Rückgang gegeben. «Geschäfte, die Lernende ausbilden, müssen die Auftragslage während vier Jahren garantieren können. Diese Verantwortung können immer weniger Betriebe übernehmen», so Glutz. Der Konkurrenzdruck aus dem Ausland sei sehr gross, sodass manche ihr Geschäft sogar ganz schliessen mussten.


55'000 Franken Lohn: Viele bilden sich weiter und steigen aus

In Zürich beenden pro Jahr 10 bis 15 Personen die Ausbildung als Goldschmiedin, Silberschmied oder Edelsteinfasserin – 2019 waren es schweizweit 54 Lernende, die in diesen drei Fachgebieten ein Diplom entgegennehmen durften.


Die Klassengrösse ist in den letzten Jahren stabil geblieben, dies vor allem deshalb, weil sich das Einzugsgebiet erweitert hat: Neu kommen auch Lernende aus der Ost- und Innerschweiz nach Zürich; die Berufsschulen in Luzern und St. Gallen mussten 2019 geschlossen werden. Yvonne Christen vom biz Urdorf vermutet, dass auch Eltern in der Berufswahl eher zurückhaltend sind, wenn ihre Kinder sich für den Beruf als Goldschmiedin oder Goldschmied interessieren. «Möglicherweise sehen sie darin wenig Zukunftsperspektiven für ihre Tochter oder ihren Sohn.»


Für ausgelernte Goldschmiedinnen und Goldschmiede mit fünfjähriger Berufspraxis empfiehlt der Verband Vsgu einen Mindestlohn von 55000 Franken. Auf zwölf Monatslöhne gerechnet, ergibt das rund 4580 Franken. Das Interesse an Weiterbildungen sei entsprechend gross, bestätigt auch Marianne Glutz. «Viele Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger spezialisieren sich nach ihrer Ausbildung weiter, zum Beispiel im Bereich Produktdesign.»


Statt beim Goldschmied landet der Schmuck beim Altgold-Händler

Auch der Säuliämtler Goldschmied Jakob Meier hat in den vergangenen Jahrzehnten acht Lernende ausgebildet.  Um genügend Aufträge zu generieren, war er darauf angewiesen, dass die Kundschaft ihren alten Schmuck zu ihm bringt und sich etwas Neues daraus kreieren lässt, statt ihn zu Tiefstpreisen einem Altgoldhändler mitzugeben. Um diesen sogenannt fliegenden Händlern  beizukommen, hat er immer wieder den Austausch mit den Restaurants und Cafés im Raum Affoltern gesucht. Das habe in den vergangenen Jahren gut geklappt; die Gastronomen hätten den Ankäufern ihre Räumlichkeiten nicht mehr so schnell als Geschäftsorte überlassen.


Illegal ist das Geschäftsmodell dieser reisenden Altgoldankäufer nicht. Derzeit brauchen sie für ihre Tätigkeit  auch keine Bewilligung. Das könnte sich mit der Revision des Geldwäschereigesetzes ändern. Werden die Änderungen des Branchenverbands angenommen, bräuchten Händler für den Altgoldankauf künftig eine Bewilligung. Ein Handelsregistereintrag wäre dann obligatorisch. Wann das Gesetz in Kraft tritt, ist derzeit noch offen.

Dieser Beitrag ist am 16. Juni 2020 im Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern erschienen.